Badische Zeitung vom 21.05.2012

 

Bühne frei für schräge Vögel

Die Performance "Hyrrä" hatte Premiere im Freiburger EWerk.

 

hyrrae BZ JerochSchon das Plakat ist ein echter Hingucker mit Dada-Akzent, der launige Titel "Hyrrä" tut das übrige. Was die sieben Künstler aus fünf Nationen dann unter der Regie des Freiburger Produzenten Stefan Schönfeld im ausverkauften Saal des EWerks präsentieren, ist schlichtweg fantastisch: Verquickt sich hier doch ganz im Sinne des Cirque Nouveau hohe Zirkuskunst mit Live-Musik, Tanz und Sprache zu einer ebenso poetischen wie mitreißenden Gesamtperformance.

Zauberhaftes Zirkusflair mit Staunen und Lachen gibt's aber trotzdem: Die rundum bestuhlte Manege ist in stimmungsvolles Rot getaucht und während Sängerin Bella Nugent in Frack, Zylinder und High Heels zum rauen Beat von Schlagzeuger Schroeder und E-Gitarrist Roman Müller einen wilden Bluesrock röhrt, fühlt man sich schon fast wie in der Rocky Horror Picture Show. Bühne frei für schräge Vögel!

Einer davon ist Wortakrobat Marcus Jeroch, der als verrückter Professor mit staubender Mähne und immer neuen Requisiten Friedhelm Kändlers kafkaeske Schnecken-Fabel mit so viel gequirltem Hintersinn und Komik vorzutragen weiß, dass deren Einzelkapitel alles andere sind als Überleitungen oder Pausenfüller. Überhaupt gibt's statt Nummernprogramm mit Glimmer und Trommelwirbel eine schnörkellose, aber perfekt choreographierte Show mit hohem Spannungsfaktor: Kaum ist Roman Müllers Diabolo sirrend über ein gespanntes Seil gesaust, wirbelt auch schon Trapezkünstlerin Angelica Bongiovonni zu einem melancholischen Song in halsbrecherischen Figuren im Mono Wheel. Frei von jeder Attitüde, dafür federleicht und traumverloren kreiselt sie durch die Manege, in der sich die beiden Tänzer und Artisten Zinzi Oegema und Evertjan Mercier schon bald ein komisches Paar- Scharmützel liefern: Nachdem sie ihn immer wieder völlig überraschend über den Haufen gerannt hat, nimmt er den Fehdehandschuh auf, schleudert sie hoch, pflückt sie wieder aus der Luft und macht seine Handflächen zu Sprungbrettern für ihre immer spektakuläreren Saltos und Schrauben. Das ist nicht nur atemberaubend, sondern auch frech und witzig. Und selbst die sattsam bekannte und immer etwas öde Disziplin der Jonglage mit Tischtennis- und Gummibällen erscheint hier bei aberwitzigen Körperverknotungen in verblüffender Verpackung.

Alles in allem ein beeindruckendes Spektakel zwischen Straßenkunst und Avantgarde-Theater, voller Brüche und origineller Ideen, von den exzellenten Musikern mit einem eigenwilligen Soundtrack begleitet. So gibt's am Ende zu Recht Standig Ovations. Und ein dreifaches Hyrrä! für diese Inszenierung mit dem Prädikat: absolut sehenswert!

Mo, 21. Mai 2012 Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung. von: Marion Klötzer

 

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